Interview mit Martin Kaiser, Jan Lachmair und Jens Hagemeyer von paraXent

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Was genau macht euer Start-Up und was ist das Besondere an eurer Geschäftsidee?

Martin: „paraXent“ ist Technologiepartner für ressourceneffiziente, intelligente Systeme. Wir wollen die Verfahren, Methoden und unser Know-how aus dem Bereich der Mikroelektronik, das wir im Rahmen unserer Forschungstätigkeit erworben haben, einsetzen, um zwei B2B-Geschäftsbereiche zu verfolgen. Zum einen im Bereich Industrie 4.0/ Internet of Things, in dem wir unsere Kunden bei der schnellen Realisierung komplexer mikroelektronischer Systeme unterstützen. In diesem Markt ist es besonders wichtig, Produkte schnell zum Endkunden zu bringen. Wir haben eine Prototypenplattform entwickelt, mit der wir die Entwicklungszeit beschleunigen können. Das heißt, wir sind nicht erst nach drei, sondern schon nach zwei Jahren mit dem Produkt am Markt. Wir sind jedoch kein klassisches Ingenieurbüro, weil wir schon eine Reihe vorgefertigter Bausteine haben, mit denen wir schnell neue komplexe Systeme aufbauen können. Der zweite Geschäftsbereich hat den High-Performance Computing Markt zum Ziel. Mit Hilfe unserer Hardwareplattform sind wir in der Lage, komplexe Berechnungen zu beschleunigen, aber dabei auch energieeffizienter als heutige Lösungen zu sein.

Jens: Die Kernidee ist eine sehr einfache: Wir helfen anderen Unternehmen, ihre mikroelektronischen Systeme zu entwickeln. Wir können entsprechende Projekte durch unser Know-how und die Hardwareplattform in der Regel schneller und effizienter realisieren, als das Mittelständler selbst können. Wir haben eine Art Baukastensystem und können daraus unser mikroelektronisches System zusammenstellen. Wir haben dann nicht nur die Hardware, sondern auch die entsprechende Softwareumgebung.

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Interviewpartner Martin Kaiser, Jens Hagemeyer und Jan Lachmair (v.l.n.r.)

Wie seid ihr auf diese Idee gekommen? Wie hat die Idee sich entwickelt?

Martin: Wir haben, teilweise miteinander, in den Bereichen Informatik und Elektrotechnik studiert. Aktuell sind wir alle als wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kognitronik und Sensorik am Exzellenzcluster CITEC der Universität Bielefeld tätig. Wir arbeiten seit mehr als fünf Jahren zusammen als Team. Im Bereich der Forschung haben wir viele Kooperationsprojekte mit Industriepartnern durchgeführt und im Zuge dessen unsere Plattform, also unser späteres Produkt, entwickelt.

Jan: Die Idee kam daher, dass die Problemstellungen bei vielen Kooperationsprojekten ähnlich sind. In der Vorentwicklungsphase muss relativ zügig ein Prototyp konzipiert und erstellt werden, um Ideen schnell zu validieren und Ergebnisse liefern zu können. Aus diesem Bedarf heraus haben wir dann für uns selber überlegt: Was brauchen wir, um diese Anforderungen zu erfüllen? Herausgekommen ist unsere skalierbare FPGA-basierte Protoyping Plattform „RAPTOR“, die modular aufgebaut und zukunftsfähig ist, indem wir einfach Hardware-Komponenten austauschen sowie neue Technologien ins System bringen können. Es handelt sich also um ein modulares System, das zusätzlich noch skalierbar ist. Das Ganze ist nicht auf eine Basisplattform beschränkt. Wir können beliebig viele davon verknüpfen, sodass wir mit der Komplexität des Endprodukts skalieren und entsprechend Anwendungsfälle abdecken können.

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Gründungsteam von paraXent: Prof. Dr.-Ing. Ulrich Rückert, Jan Lachmair, Christian Hilker, Jens Hagemeyer, Dirk Jungewelter, Martin Kaiser und Dr.-Ing. Mario Porrmann (v.l.n.r.)

Wer gehört zu eurem Team und wie habt ihr euch zusammengefunden?

Martin: Wir sind fünf Ingenieure aus den Fachgebieten Elektrotechnik und Informatik. Wir arbeiten seit fünf Jahren als Team in der Forschung und Entwicklung zusammen. Wir sind technikbegeistert und davon überzeugt, dass wir unsere Ideen, die wir in der Uni entwickelt haben, auf den Markt bringen können. Wir ergänzen uns sehr gut, was die technischen Fähigkeiten anbelangt: Von Software- bis hin zu Leiterplattenentwicklung decken wir ein breites Spektrum ab. Auch zwischenmenschlich verstehen wir uns gut. Dazu kommen noch die beiden Leiter unserer Arbeitsgruppe: Einmal unser Mentor, Mario Porrmann, der uns im Unternehmen in der strategischen Geschäftsführung unterstützen wird und unser Professor und Arbeitsgruppenleiter Ulrich Rückert, der uns als strategischer Berater zur Seite stehen wird. Beide haben sehr gute internationale Kontakte und helfen uns insbesondere beim Netzwerken.

Jan: Durch Prof. Rückert haben wir Zugang zu exzellenten Industriekontakten. Außerdem werden wir auch bezüglich Projekt- und Personalmanagement unterstützt. Das ist alles sehr wichtig für einen Unternehmensgründer.

Welche Fähigkeiten konntet ihr miteinbringen und was musstet ihr noch dazulernen?

Martin: Wir sind ja noch in der Gründungsphase, also lernen wir bestimmt noch einiges dazu. Was wir jetzt schon sehr gut können ist Hardware- und Softwareentwicklung. Also sind wir ingenieurstechnisch sehr gut aufgestellt. Außerdem sind wir in der Forschungsgemeinschaft sehr gut vernetzt. Was wir an Kompetenzen noch aufbauen müssen, ist der komplette kaufmännische Bereich, insbesondere Vertrieb und Marketing. Dazu sind unter anderem entsprechende Coachingmaßnahmen geplant.

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Kernprodukt von paraXent: FPGA-basierte, modulare und skalierbare Protoyping Plattform „RAPTOR“

Was klappte bisher besonders gut und woran habt ihr euch fast die Zähne ausgebissen?

Martin: Nachdem wir beschlossen hatten, paraXent zu gründen, haben wir mit vielen Leuten aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich geredet und waren bei mehreren Gründungsworkshops. Die ersten Male war es nicht einfach, unsere Idee zu vermitteln, weil wir ständig unbewusst technische Fachbegriffe benutzen. Die richtige Kommunikationsebene zu treffen hat recht lange gedauert.  Unser größter Erfolg war bisher, dass wir beim Gründerwettbewerb „START-UP-Hochschul-Ausgründungen NRW“ mitgemacht haben. Dort konnten wir überzeugen und haben eine Förderung über 1,5 Jahre bekommen. Dieses Programm ist für genau das da, was wir erreichen wollen: Aus der Universität heraus ein Unternehmen zu gründen und möglichst viel Technologiewissen in das Unternehmen einfließen lassen. Dazu erhalten wir jetzt finanzielle Unterstützung von 240.000 Euro über 1,5 Jahre.

Was habt ihr aus diesen Herausforderungen/Hürden gelernt?

Jan: Vor allem hoffen wir, dass unser Abstraktionslevel im Gespräch mit Nicht-Technikern besser geworden ist. Es ist extrem wichtig, auch Fachfremden erklären zu können, was wir eigentlich wollen. Wir werden ja später bei der Kundenakquise auch nicht nur mit Ingenieuren zu tun haben. Das ist das Wesentliche, das wir gelernt haben: Dass wir genau daran weiter arbeiten müssen.

Martin: Wir haben einen internen Businessplan aufgestellt, mit dem wir zu Gründungsworkshops gegangen sind und zunächst erzählt haben, dass wir drei Geschäftsbereiche abdecken wollen. Dabei wurde uns bewusst, dass man das mit fünf Entwicklern nicht leisten kann. Deshalb haben wir uns erst einmal auf einen Bereich fokussiert und wollen mittelfristig den zweiten Geschäftsbereich erschließen. Zusätzlich haben wir festgestellt, dass wir dringend Pilot- beziehungsweise Referenzprojekte brauchen, um uns als Dienstleister zu etablieren. Außerdem haben wir gelernt, dass es schwierig ist, jemand Externen mit ins Boot zu holen, der den kaufmännischen Bereich abdeckt und Marketing und Vertrieb übernimmt. Wenn wir mit Betriebswirten geredet haben, waren diese teilweise bereit, für relativ wenig Geld zu arbeiten, aber dann sehr auf starkes Wachstum im High-Performance Computing Markt fokussiert, wodurch ein entsprechend hoher Fremdkapitaleinsatz erforderlich ist. Wir ziehen ein etwas langsameres, organisches Wachstum vor.

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Einsatz der Hardwareplattform von paraXent im it‘s OWL-Innovationsprojekt ReelaF

Welche Kunden/Zielgruppe wollt ihr mit eurem Produkt ansprechen?

Martin: Primär wollen wir den Mittelstand im Bereich Industrie 4.0, Mechatronik, Internet of Things und natürlich Elektrotechnik und Automatisierung ansprechen. Wir helfen Unternehmen dabei, Produkte zu entwickeln. Das sind im Normalfall keine einfachen, sondern hochkomplexe Produkte, wie z. B. im Bereich der optischen Inspektion, bei der Kamerasysteme in Echtzeit und mit hoher Auflösung eine Produktionsstraße überwachen, damit auch höchste Qualitätsanforderungen an das Endprodukt gewährleistet werden können. Das erfordert die Berechnung sehr vieler Daten in kurzer Zeit und genau das können wir mit unserer Plattform besonders effizient und in kurzer Entwicklungszeit leisten.

Jan: Es handelt sich um ein B2B-Produkt. Wir verkaufen im Wesentlichen eine Dienstleistung und nehmen dazu sozusagen unser Köfferchen mit unserem System mit und können damit den Entwicklungsprozess des Unternehmens unterstützen und beschleunigen. Der Benefit für den Kunden ist, dass er schneller am Markt ist und gleichzeitig Aufwand bei der Entwicklung seines Produktes spart. Wir denken in diesem Geschäftsbereich ein solides Wachstum erreichen zu können, gerade in einer Region wie OWL, in der viele mittelständische Unternehmen aus der Elektrotechnik angesiedelt sind. Der zweite Geschäftsbereich ist der High-Performance Computing Markt, in dem wir unser System als Erweiterung für Hochleistungsrechner verkaufen. Ähnlich wie eine Grafikkarte kann man diese in Hochleistungsrechenzentren stecken, um bestimmte Anwendungen schneller und gleichzeitig energieeffizienter ausführen zu können.

Wie akquiriert ihr eure Kunden?

Martin: Da haben wir uns noch nicht festgelegt und das ist auch Teil unserer Coachingmaßnahmen. Bei dem Businesswettbewerb, den wir gewonnen haben (Startklar NRW) gibt es Mittel genau dafür. Unsere Coaches aus Mülheim von der Zenit GmbH werden uns dabei helfen. Dabei ist auch ein gestandener Vertriebler, der schon viele Unternehmen in Führungspositionen begleitet hat. Wir sind zuversichtlich, dass er uns in diesem Bereich auf die Sprünge helfen kann.

Jens: Zusätzlich zu den Coachingmaßnahmen werden wir unsere Kontakte aus den bestehenden Kooperationsprojekten mit der lokalen Industrie sowie unsere internationalen Forschungskontakte nutzen. Wir kennen den Markt und dementsprechend auch die Kunden, waren aber bisher viel zu wenig aktiv und müssen uns stärker in diesen Bereichen engagieren.

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Jan Lachmair (links) und Martin Kaiser

Welche Meilensteine wollt ihr in den kommenden Monaten/Jahren erreichen?

Martin: Einen wichtigen Meilenstein sehen wir aktuell zum Ende der Förderphase (Ende 2017). Spätestens zu diesem Zeitpunkt wollen wir die Gründung von paraXent abgeschlossen haben, und unsere Produkte aktiv vermarkten. Bis dahin wollen wir unser Produkt weiter zur Marktreife bringen und unseren Vorsprung gegenüber Konkurrenzprodukten weiter ausbauen. Ein ausgefeiltes Konzept zur Kundenakquise ist ebenfalls ein Punkt, an dem wir arbeiten. Zusätzlich wollen wir Referenzkunden finden, mit denen wir gemeinschaftlich ein Produkt entwickeln. In zwei Jahren wollen wir einen festen Kundenstamm aufgebaut haben.

Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Martin: In fünf Jahren planen wir, unsere Produkte im Bereich der Rechenbeschleuniger erfolgreich am Markt platziert zu haben, und auch größere Kunden zu bedienen. Um das erreichen zu können und die dazu nötige Entwicklungsarbeit zu leisten, streben wir ein Wachstum auf vielleicht 10 – 15 feste Mitarbeiter an.

Jan: Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren auf dem richtigen Weg sind, ein solides Mittelstandsunternehmen zu sein, das international als Technologiepartner für FPGA-basierte Systeme akzeptiert ist. Natürlich entwickelt sich der Markt gerade bei Hochleistungsrechnern und Rechenbeschleunigern sehr dynamisch, was neben großen Chancen auch entsprechende Risiken bedeutet. Wenn das klappt, ist es super, aber ansonsten haben wir durch den Kundenstamm im Bereich Elektrotechnik und Automatisierung eine solide Basis, um auch mal Rückschläge auffangen zu können.

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Einsatz der Hardwareplattform von paraXent im it‘s OWL-Innovationsprojekt SDIE

Gibt es Tipps, die ihr Gründungsinteressierten aus eurer eigenen Erfahrung heraus geben könnt?

Martin:  Allzu weit sind wir ja selbst noch nicht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Abstraktionsebene wichtig ist. Mit vielen Leuten zu sprechen, Workshops zu besuchen und eine gute Vernetzung sind sehr wichtig. Dann sollte man sich, auf ein/zwei Bereiche fokussieren. Wichtig finde ich auch, dass man ein gutes, sich ergänzendes Team hat.

Jan: Außerdem sollte man seine Linie beibehalten. Wenn man eine Idee hat und davon überzeugt ist und sich sicher sein kann, dass man in die richtige Richtung geht, sollte man dabei bleiben und sich nicht von anderen davon abbringen lassen.

Martin: Sicher ist es richtig und wichtig, auch notwendige Kurskorrekturen vorzunehmen, aber in einigen Gesprächen, die wir bis jetzt hatten, hatten zehn Leute 25 verschiedene Geschäftsmodelle oder Ideen. Da kann man nicht jedem hinterherjagen. Wichtig ist die eine gemeinsame Vision, um fokussiert und ergebnisorientiert zusammenzuarbeiten.