Interview mit Janina und Alan Plum von Foss&Haas

Gründer

Alan und Janina Plum

Was macht euer Start-Up und was ist das Besondere an eurer Idee?

Janina: Unser Start-Up beschäftigt sich mit E-Learnings. Eigentlich sind wir aber eine Werbeagentur, denn wir brauchten mehrere Standbeine, um unsere Idee finanziell zu verwirklichen. Die Werbeagentur hat sich mittlerweile so gut am Markt etabliert, dass sie einzeln wahrgenommen wird und wir mit den Lerninhalten eine eigene GmbH am Ende des Jahres gründen werden.

Alan: Wir entwickeln ein Produkt, das „OLE“ heißt. Es handelt sich dabei um eine Online-Lernplattform. Diese ist komplett modular aufgebaut. Wir arbeiten direkt mit Unternehmen zusammen. Dabei setzen wir das Wissen der Experten um. Zusätzlich haben wir noch professionelle Grafiker, externe Sprecher, die das Ganze vertonen, und Drehbuchautoren. Bei den meisten Firmen ist es so, dass sie entweder die Software oder die Inhalte machen und wir bieten beides aus eigener Hand an.

Wie seid ihr auf eure Idee gekommen und wie hat diese sich entwickelt?

Janina: Ich habe als Grafikerin bei einer Agentur gearbeitet, die E-Learnings für die Pharmaindustrie erstellt. Dabei habe ich mich über diverse Softwareprogramme geärgert. Also habe ich mir einfach einen Programmierer angeheiratet und diesen dazu gebracht, meine eigenen Ideen umzusetzen. Ich habe Alan auch schon für Projekte in meiner alten Agentur an Land gezogen. Dadurch hat er mehr Berührungspunkte mit der Entwicklung von Lernsoftware bekommen. Irgendwann habe ich beschlossen, wieder in meine Heimat zurückzukehren. Wir haben uns überlegt, in dem Bereich, in dem wir gut sind und Erfahrung haben, selbstständig zu werden.

Alan: Mir kam auch zugute, dass ich früher schon mehrere Systeme entwickelt hatte. Dadurch hatte ich schon Erfahrungen mit den Inhalten und der Software inklusive ihrer Schwachstellen.

Team

Gruppenfoto im Eingangsbereich

Wie ist es, als Pärchen ein Unternehmen zu gründen?

Janina: Wir können sehr gut zusammenarbeiten. Ich fälle Entscheidungen und Alan fällt Entscheidungen und das harmoniert ganz gut. Es ist so, dass ich Alan erzähle, was ich gemacht habe und er daraufhin seine nächsten Reaktionen plant.

Alan: Man braucht auch viel Vertrauen. Bei uns ist es so, dass wir beide Gesellschafter und Geschäftsführer sind. Ich habe „Geschäftsführer“ inzwischen gar nicht mehr auf meiner Visitenkarte draufstehen, denn im Grunde übernimmt Janina die Geschäftsführung. Größere Sachen sprechen wir ab, aber da ich oft tagelang nicht in der Agentur sein kann, überlasse ich die alltäglichen Entscheidungen komplett Janina.

Janina: Ein weiterer Vorteil ist, dass Alan durch mich verstehen kann, wo seitens der Grafik Probleme liegen und ich kann durch ihn sehr gut Probleme bei der Technik verstehen. Also haben wir beide ein gewisses Grundverständnis der beiden Bereiche, aus denen unsere Firma besteht.

Wer gehört zu eurem Team und wie habt ihr euch zusammengefunden?

Janina: Wir haben einmal das Team „Werbeagentur“, das auch die Inhalte für die „OLE“-Software erstellt und die „OLE“-Software an sich. Mit letzterer beschäftigen sich hauptsächlich Alan und ich. Dann gibt es noch ein lockeres Netzwerk aus Menschen, mit denen ich schon vorher zusammengearbeitet habe oder deren Arbeit ich sehr schätze. Das sind Drehbuchschreiber oder Menschen, die Inhalte didaktisch aufbereiten oder Grafiker. Das feste Team von Foss&Haas besteht momentan aus acht Mitarbeitern. Diese setzen sich zusammen aus Grafikern, der Buchhaltung, Praktikanten und Programmierung.

Schaufenster

Außenansicht des Standortes in Rheda-Wiedenbrück

Welche Fähigkeiten konntet ihr anfangs schon mit einbringen und was musstet ihr noch dazulernen?

Janina: Da ich ähnliches vorher schon 10 Jahre gemacht habe, fiel es mir leicht, nicht auf Software-Macken hereinzufallen. Die Lerninhalte nach eigenen Vorstellungen umzusetzen, war natürlich besonders cool. Du kannst auf einmal Dinge verwirklichen, die du vorher gar nicht hättest umsetzen können. Du denkst dir eine eigene Lernstrategie aus und merkst, dass diese funktioniert und überlegst dir weitere Module. Schwierig war allerdings die Preisfindung. Wir haben jetzt ganz andere Kunden als vorher in der Pharmaindustrie und müssen dadurch auch andere Preise nehmen.

Alan: Das Technische und das Fachwissen hatten wir vorher schon, aber, wenn man dann für alles selbst zuständig ist, hat man das Problem, dass man es ja auch eben noch verpacken und damit planen muss. Es ist sehr wichtig, darauf zu achten, wie viel Zeit für bestimmte Sachen eingeplant werden muss. Entwicklung ist meistens das kleinste Problem, aber die Ausgestaltung kann vom Zeitaufwand sehr variieren. Das muss man dann nachher natürlich in irgendwelche Preise übersetzen.

Was klappte besonders gut bei der Gründung und woran habt ihr euch fast die Zähne ausgebissen?

Janina: Das Produkt „OLE“ selbst kam direkt bei allen Kunden total gut an.

Alan: Nachdem wir grob mit der Umsetzung fertig waren, haben wir eine Beta-Phase gemacht, in der das Produkt mehreren Benutzern quasi in die Hand gedrückt wurde. Das Feedback war überraschend positiv. Es war ein sehr trockenes Thema, denn es ging um Vergaberecht und die Nutzer haben zum Teil gesagt, sie hätten Spaß dabei gehabt.

Janina: Das war das Coolste überhaupt. Wir haben ein 400-seitiges Buch in A5 umgesetzt, eigentlich nur in schwarz-weiß, ganz minimalistisch, mit wenigen Diagrammen… dass  Leute auf einmal sogar Spaß daran haben und weiterlernen wollen, ist richtig cool. Das Produkt kam wirklich super gut an. Aber wie gesagt ist das Preismodell immer noch unser Dauerthema.

Praktikant

Mitarbeiter in Aktion

Was habt ihr aus diesen Herausforderungen gelernt?

Janina: Wir haben gelernt, dass wir bei dem Preismodell wirklich mehr die Zeiten erfassen und ein Zeitmanagementsystem nutzen müssen. Außerdem haben wir das Leistungsangebot reduziert. Anfangs waren wir noch der Meinung, viel anbieten zu müssen. Dann haben wir aber gemerkt, dass die Kunden dadurch häufig verwirrt sind. Diese möchten wirklich nur das Basic-Wissen von uns. Die ganzen Extras wirken für uns immer so toll, aber für die Kunden ist es schwierig zu verstehen, was sie dann nachher wirklich bekommen.

Alan: Tatsächlich ist es hilfreicher, die Kernkompetenzen in den Vordergrund zu stellen und immer noch etwas in der Hinterhand zu haben, falls jemand darüber hinaus noch etwas braucht. Dann können wir nämlich sagen: Ja, das können wir auch! Das ist besser, als vorher einfach alles aufzulisten und dadurch zu kommunizieren, dass man gar keinen Fokus hat.

Janina: Wir hinterfragen uns in regelmäßigen Abständen, überarbeiten unser Angebot und ändern die Bürogestaltung. Anfangs hatten wir beispielsweise auch die irre Idee, dass wir Textilien veredeln könnten. Das ist etwas, das mittlerweile von ganz vorne im Raum nach ganz hinten gewandert ist und jetzt zum Jahresende komplett rausfallen wird. Und das ist bei der „OLE“-Software nichts Anderes. Man muss gucken, was die Kunden anspricht und dann verschiedene Elemente überarbeiten oder herausnehmen.

Sitzecke

Sofaecke im Eingangsbereich

Welche Zielgruppen wollt ihr ansprechen?

Janina: Unsere Zielgruppen sind alle, die lernen wollen. Wir sprechen Arbeitgeber an, die ihren Arbeitnehmern ermöglichen wollen, etwas zu lernen und zwar nicht nur unbedingt fremde, sondern auch interne Inhalte. Dann gibt es die wissbegierigen Arbeitnehmer, die ihren Arbeitnehmer beeindrucken und die, die einfach ständig für sich persönlich lernen wollen.

Alan: Unsere direkte Zielgruppe sind fast ausschließlich Unternehmen. Diese wollen ihr Wissen in Form von regelmäßigen Fortbildungen weitervermitteln, Saisonarbeiter einarbeiten oder selbst Lerninhalte vertreiben. Im Endeffekt sind unsere Ansprechpartner von den Inhalten her auch Privatmenschen, aber als Unternehmen sind wir ganz klar im B2B-Bereich.

Wie akquiriert ihr eure Kunden?

Alan: Bisher haben wir dadurch, dass wir gute Qualität liefern und andere das dann sehen und auch haben wollen, viel Zulauf.

Janina: Wir haben bei einem Start-Up-Pitch mitgemacht, denn wir hatten den Monatspreis gewonnen und dadurch Aufmerksamkeit bekommen. Natürlich hatten wir auch Anrufe von Unternehmen, die sich für das Produkt interessiert haben. Auch haben wir auf Messen, wie zum Beispiel der „Didacta“ oder die „LEARNTEC“ unsere Visitenkarten verteilt… aber tatsächlich passiert es einfach.

Alan: Wir nutzen natürlich auch das Agenturgeschäft, um auf uns aufmerksam zu machen. Tatsächlich haben wir bisher keine typische Kaltakquise gemacht. Das ist Teil unserer Planung, aber momentan haben wir genügend natürliches Wachstum.

Gespräch

Chengguang Li und Lara Becker (it’s OWL) , Janina und Alan Plum (v.l.n.r.) im Gespräch

Ihr bekommt ständig Aufträge und müsst keine Kaltakquise durchführen. Welche Herausforderungen entstehen dabei und was lernt man daraus?

Alan: Wenn man bisher nur Akquise gemacht hat, hat man bestimmte Werte, mit denen man Kunden bekommt. Wir sind da momentan eher sehr passiv, denn wir haben keinen aktiven Einfluss darauf, dass wir Kunden kriegen. Wir müssten bei der Kaltakquise bei null starten oder versuchen, bestehende Kunden zu behalten.

Janina: Das ist auch der Hintergrund, weshalb wir anfangs die Agentur als zweites Standbein brauchten. Bei dieser haben wir ca. 30 bis 40 Kunden im Monat. Dabei gibt es also auch wieder mehrere Standbeine, sodass man gar nicht wegbrechen kann. Das gibt uns die Sicherheit, dass wir uns mit der Lernsoftware auch mal ein bisschen Zeit für Entwicklung nehmen können. Alle unsere Mitarbeiter sind über die Agentur angestellt, weil wir möchten, dass sich „OLE“ irgendwann so weit trägt, dass dort auch Angestellte Fuß fassen können. Deswegen ist die Agentur momentan mit ihren vielen Standbeinen unser sicherer Hafen.

Kühlschrank

Mitarbeiter-Kühlschrank und Snackbox

Welche Meilensteine wollt ihr in den kommenden Monaten/Jahren erreichen?

Alan: Der wichtigste Punkt ist auf jeden Fall, dass wir Verstärkung bei der Entwicklung bekommen, weil ich das momentan noch alleine stemme. Das geht zwar noch, bedeutet aber, dass ich geteilt bin zwischen dem Agenturgeschäft und dem Produkt. Letzteres kommt dabei manchmal leider zu kurz.

Janina: Zum Jahresende wird unsere Buchhalterin voll bei uns einsteigen und wir haben jemanden, der noch weiter unser Team ergänzen wird, also werden wir weiterhin wachsen. Aufbauend auf die „OLE“- Software haben wir noch weitere Produkte entwickelt. Die gehen dann nächstes Jahr an den Start. Und wir gründen noch die GmbH am Ende des Jahres.

Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Janina: Ich finde alleine schon das nächste halbe Jahr spannend. Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren eine eigenständige Marke haben, die sich selber trägt und dass wir mit der Entscheidung richtig lagen, die „OLE“-Software auszugründen und dass wir da weiter wachsen.

Alan: Meine persönliche Hoffnung ist vor allem auch, dass wir die Räumlichkeiten oder zumindest den Standort Rheda beibehalten können. Ansonsten wäre es toll, wenn wir auf eine geregelte 40 Stunden-Woche kommen würden.

Mitarbeiterinnen

Mitarbeiterinnen bei der Arbeit

Gibt es Tipps, die ihr anderen Gründungsinteressierten aus eurer eigenen Erfahrung heraus geben könnt?

Alan: Auf keinen Fall die Buchhaltung selber machen!

Janina:  Das haben wir tatsächlich am Anfang gemacht. Nach drei Monaten hatten wir eine Buchhalterin, die sich dem Ganzen angenommen hat. Als nächstes haben wir dann die Raumpflege abgegeben. Alleine das hat mir in der Woche 10-15 Stunden freigeschaufelt. Das A und O ist wirklich ein Steuerberater oder ein eigener Buchhalter. Wir haben jetzt das Glück, dass wir jemanden im Team haben, der einen auch so ein bisschen an die Hand nimmt.

Alan: Und ansonsten noch der Tipp: Einfach mal eine höhere Zahl nennen, wenn es um Preisverhandlungen geht. Es empfiehlt sich eher, eine abschreckend hohe Zahl zu nennen und dann heruntergehandelt zu werden als sich direkt unter seinem Wert zu verkaufen.

Janina: Pokern. Einfach Pokern. Wir hatten auch das Glück, dass wir so viele Aufträge hatten, dass wir etwas herumexperimentieren konnten. Da dachten wir uns, wir nehmen einfach mal fünf Prozent mehr und gucken. Es gab ganz wenige negative Reaktionen. Und dann findet man sich auch irgendwann. Ein letzter Tipp ist noch: Immer bereit zu sein, Nein zu sagen.

Alan: Gerade am Anfang hat man das Gefühl, dass, wenn man ein Projekt absagt, ein anderes vielleicht nicht bekommt. Da ist es recht wichtig, dass man ein Projekt nicht nimmt, wenn alles dagegenspricht. Es muss für beide Parteien passen.

Janina: Authentisch zu sein ist auch wichtig. Wir haben bei all unseren Kunden immer gute Erfahrungen damit gemacht. Das heißt, dass wir offen und ehrlich Sachen aussprechen und ganz normal nett sind.